Download Biographie Des Dings - Sergej Tretjakow PDF

TitleBiographie Des Dings - Sergej Tretjakow
TagsAesthetics Novels Arts (General) Psychology & Cognitive Science
File Size164.5 KB
Total Pages34
Document Text Contents
Page 1

Sergej Tretjakow

Biographie des Dings


Fritz Mierau
Literatur des Dings und Biographie des

Fakts


Annett Gröschner
Ein Ding des Vergessens. Tretjakow

wiederlesen

RE I H E AR B E I T S B L Ä T T E R F Ü R D I E SA C H B U C H F O R S C H U N G (#12)
HI S T O R I S C H E RE I H E (#3)

Herausgegeben vom Forschungsprojekt
„Das populäre deutschsprachige Sachbuch im 20. Jahrhundert“

(Gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung)

www.sachbuchforschung.de

Berlin und Hildesheim, März 2007

Page 2

Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung (#12): Sergej Tretjakow - Biographie des Dings

2

Inhalt



Vorbemerkung……………………………………………….....3

Sergej Tretjakow: Biographie des Dings………………….…..4


Fritz Mierau: Literatur des Dings
und Biographie des Fakts………….……………………….….9


Annett Gröschner: Ein Ding des Vergessens.
Tretjakow wiederlesen………………………….……………..20


Kontaktadressen……………………………………………….34
















Für die freundliche Erlaubnis zur Publikation danken wir Fritz Mierau (Berlin)

Page 17

Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung (#12): Sergej Tretjakow - Biographie des Dings

17

Überlegungen anknüpften, sondern daß sowohl Ostrowskis " Wie der Stahl

gehärtet wurde" als auch Anton Makarenkos "Pädagogisches Poem" ("Der

Weg ins Leben“) typologisch nach Prinzipien arbeiteten, auf die die Linie

Gorki-Furmanow-Arsenjew hinauslief.

Die Bedeutung dieser Anstrengung des Faktischen für den Neuaufbau

ästhetischer Verallgemeinerung sollte also nicht unterschätzt werden. Sie war

nur zu einem Teil durch die Enge der Gruppenpoetik bedingt, die ja ihrerseits

in dem oben kurz angedeuteten Polemikfeld entstand. Im Prozeß der

sowjetischen Literatur bot sie einen wichtigen Weg zur Gewinnung

epochenrepräsentativer Ausgangspunkte für die künstlerische Inspiration und

Intuition. Gorki hat 1933 in einem Brief an den Pathologen Alexej Speranski,

der ihm einen Aufsatz über die Bedeutung und die Schwierigkeiten der

Gründung des "Unionsinstituts für experimentelle Medizin" zur Verfügung

gestellt hatte, eine formelhafte Zusammenfassung solcher Bemühungen

notiert, wie sie auch Tretjakows Arbeit zugrunde lagen: "Ein alter Traum von

mir ist die Einbeziehung der Künstler des Wortes in den Bereich des

wissenschaftlichen Denkens, einen unermeßlich bedeutenderen -und

qualvolleren Bereich als das ,Milieu'. - Die Romanschriftsteller der Zukunft -

und zwar, glaube ich, der nahen Zukunft - müssen das Heldentum der

wissenschaftlichen Arbeit und die Tragik des wissenschaftlichen Denkens in

den Kreis ihrer Themen einbeziehen..."10 Kein Wunder, daß Gorki in der

hohen Einschätzung Arsenjews mit Tretjakow fast wörtlich übereinstimmt. In

einem Brief vom Januar 1928 hebt er die "Darstellungskraft" Arsenjews

hervor: "Den Golden haben Sie ausgezeichnet geschildert...“11

Wie organisierte man nun aber die Fülle des erforschten Materials? Tretjakow

stritt gegen die überkommene "Biographie des individuellen Helden" als dem

strukturierenden Prinzip der Prosa. Der Grund: "Die ganze Welt wird durch

ihn verkörpert. Mehr noch, die ganze Welt ist im Grunde nur eine Sammlung

10 M. Gorki, Briefe. Eine Auswahl, Berlin 1960, S. 490.
11 M. Gorki, Über Kinderliteratur, Berlin 1953, S. 189.

Page 18

Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung (#12): Sergej Tretjakow - Biographie des Dings

18

seines Zubehörs. Es gibt Ingenieure, Ärzte und Finanziers als Helden, doch

gewöhnlich erfahren wir herzlich wenig darüber, was sie tun und wie sie es tun.

Dagegen wird ausführlich abgehandelt, wie sie sich küssen, wie sie speisen,

ihren Vergnügungen nachgehen, sich langweilen und sterben. - Diese

Verpflanzung der Romangestalten aus der Sphäre der Produktion in die des

Privatlebens, der Psychologie, hat zur Folge, daß der Roman gewöhnlich in der

Freizeit des Helden spielt."

Tretjakows Vorschläge und praktischen Beiträge – Bio-Interview,

sozialpolitische Skizze, Künstlerporträts als Gesellschaftsanalyse - haben die

Möglichkeiten sozialistischer Literatur fruchtbar erweitert. Sie alle arbeiten mit

einer scheinbar rigorosen Beschränkung der künstlerischen Subjektivität des

Schriftstellers. Herausgeholt werden soll der Prozeßwert der Tatsachen.

Tretjakow faßte seine Vorstellungen von der ästhetischen Organisation des

Materials zusammen in der Formel "Biographie des Dings". Was war gemeint?

Zunächst einmal sei das eine "sehr nützliche kalte Dusche für die Literaten“;

sie könne dazu beitragen, daß "der Schriftsteller, dieser ewige ,Anatom des

Chaos', ,Bezwinger der Elemente', sich in einen Menschen mit etwas

zeitgemäßerer Bildung verwandele". Denn: "Wir brauchen ständig Bücher über

unsere ökonomischen Hilfsquellen, über die Dinge, die von Menschen

hergestellt werden, und über die Menschen, die die Dinge herstellen. Unsere

Politik wächst auf einem ökonomischen Stamm, es gibt nicht eine Sekunde im

Alltag des Menschen, die nicht im ökonomischen, im politischen Bereich läge."

Tretjakow wollte die Literatur instand setzen, die neuen Arten von

Persönlichkeiten in der ganzen Differenziertheit ihrer gesellschaftlichen

Funktionen zu fassen und deren Zurückführung auf die alten Arten

verhindern.

Es handelt sich bei seinen Versuchen deutlich darum, das "gewordene

gegenständliche Dasein der Industrie", wie Marx es tat, als das "aufgeschlagene Buch

der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie"12

12 Marx/Engels, Werke, Erg.-Bd. Erster Teil, S. 543.

Page 33

Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung (#12): Sergej Tretjakow - Biographie des Dings

33

Eisensteins ‚Panzerkreuzer Potemkin’ 1958 quer durch die Lager des Kalten

Krieges zum besten Film aller Zeiten erklärten.“44, schrieb Peter Richter in der

Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Tretjakow zu lesen, gehört

zweifelsohne dazu. Man muss ja nicht jeden seiner Vorschläge annehmen.







43 Peter Richter, Engländer über der Stadt, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
23.07.2006, S.23.

44 Ebenda.

Page 34

Arbeitsblätter für die Sachbuchforschung (#12): Sergej Tretjakow - Biographie des Dings

34

Kontaktadressen





Forschungsprojekt „Das deutschsprachige populäre

Sachbuch im 20. Jahrhundert“



Prof. Dr. Erhard Schütz, Andy Hahnemann und David Oels

(Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin,

Schützenstraße 21, 10099 Berlin)

[email protected]





Prof. Dr. Stephan Porombka und Annett Gröschner

(Institut für deutsche Sprache und Literatur, Universität

Hildesheim, Marienburger Platz 22, 31141 Hildesheim)

[email protected]

[email protected]


www.sachbuchforschung.de

Similer Documents